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Vom Unterwegssein

Der Moment der Verkehrsmittelwahl als Urknall aller Theorie gehört abgeschafft. Fortbewegung ereignet sich in Zyklen.

Die Verkehrswende könnte ausgerechnet die Mobilitätsforschung auf dem falschen Fuß erwischen. Die hat sich nämlich behaglich eingerichtet in zwei Refugien, die im Prinzip nichts voneinander wissen: Auf der einen Seite liegt die Erkenntnissuche nach den Mechanismen der Verkehrsmittelwahl, auf der anderen die mehr schlechte als rechte Bewältigung von deren Folgen.

Urknall als Hemmnis

Dazwischen: der Moment der Entscheidung selbst, der quasi als Urknall eine unüberwindliche Barriere zwischen dem Davor und dem Danach bildet. Dass beide kaum bis gar nicht miteinander kommunizieren, mag jedes der beiden Refugien unangetastet lassen und seinen Bewohner*innen das ungestörte Weiterforschen erlauben. Der Umstand erweist sich aber gleich auf dreifache Weise als problematisch: Erstens interessiert sich der sich bewegende Mensch nicht im mindesten dafür, denn er fungiert sowohl als Handelnder in der Wahl seines Verkehrsmittels als auch anschließend als agierendes Element im Verkehrssytem — und durchbricht damit die Barriere zwangsläufig immer. Zweitens wirkt aber seine Teilnahme am Verkehr durchaus auf ihn zurück, sei es durch die faktische Einschränkung seiner Wahlfreiheit; durch die Gestaltung des Verkehrsumfeldes, die verschiedene Unterwegs-Ereignisse wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher werden lässt und schließlich auch die Unterwegs-Erlebnisse, die seine Einstellungen unmittelbar beeinflussen, ob hinterher nun bewusst reflektiert oder auch nicht — diese Rückwirkung berücksichtgt übrigens keines der aktuellen Modelle zur Verkehrsmittelwahl. In anderem Design-Feldern bildet die ›User Experience‹ dagegen schon länger eine der wichtigsten Qualitätskategorien. Drittens ergibt sich daraus mindestens ein weiteres Refugium, dessen Potenziale bislang ungenutzt bleiben, aber möglicherweise deutlich mehr Erklärungs- und auch Wirkkraft für eine Verkehrswende entfalten könnten: die individuellen Erlebnisse der sich fortbewegenden Menschen.

Deshalb braucht es ein Modell, das all die Segmente zu verbinden und zu verschränken weiß und sich gleichzeitig stark an den realen Abläufen im Verkehrsgeschehen orientiert. Auch hier lohnt ein Blick auf Nachbardisziplinen: Die ›User Journey‹ modelliert sowohl deskriptiv als auch normativ die Interaktionen des agierenden Subjekts mit dem System. Sie lässt sich auch auf die Mobilitäts- und Verkehrsdebatte übertragen und erlaubt es, den vollständigen Prozess, von der Entstehung einer Absicht zur Fortbewegung über die Entscheidung über wie und wann und über die Durchführung bis zum Abschluss und zur Bewertung durchzudeklinieren. Eines unserer Verkehrsmittel umschließt übrigens schon heute die gesamte Journey und weist damit bislang ein Alleinstellungsmerkmal auf: das Automobil.

Neue Wege gehen

Die ›Mover Journey‹ oder auch der ›individuelle Verkehrszyklus‹ soll als alternatives Modell-Angebot fungieren, um die einseitig auf Verkehrsmittel bezogene Debatte und Datengewinnung aufzuweiten und neue Ansätze und Perspektiven für die Mobilität von morgen zu ermöglichen. spitzenkraft.berlin befasst sich aktuell mit der Weiterentwicklung des Modells.

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Diplom-Geograph Johannes P. Reimann überschreitet Grenzen — seine Kreativität und seine Berufserfahrung verschaffen ihm in vielen Feldern festen Tritt. mehr

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