47 Millionen können nicht irren

Eklatante Ratlosigkeit macht sich breit, wenn es darum geht, Impfskeptiker zu überzeugen. Das richtige Rezept liegt aber eben nicht zwischen dem Appell an das Gewissen und der Impflotterie — sondern ganz woanders.

  12.08.2021 | 4 Minuten  

Man müsse lediglich die verfügbaren Informationen verständlich vermitteln und Unsicherheiten thematisieren, meint der Risikoforscher Felix Rebitschek. Eine Lotterie passe zwar nicht zum deutschen Naturell, sei doch aber eigentlich eine gute Idee, so der Ökonom Marcel Fratscher. An verschiedenen Orten finden sich freilich diverse Anreizsysteme bereits im Einsatz: ›Bratwurst bis Joint‹, titelt etwa zeit.de. Allerdings: Die Neid- und Gerechtigkeitsdebatte lässt, völlig folgerichtig, nicht lange auf sich warten.

Das Pferd, ein Herdentier

Der Marketing-Experte Martin Lindstrom hat vor rund zehn Jahren eine US-amerikanische In-Familie als Undercover-Verkaufsagenten eingesetzt, um im Rahmen eines vierwöchigen Experiments den Effekt von sozialen Zusammenhängen auf die Absatzzahlen von Produkten zu ergründen. »Das Ergebnis übertraf Lindstroms kühnste Erwartungen: Jeder der Freunde kaufte später im Schnitt drei der gelobten Produkte.«, heißt es wiederum auf zeit.de. Amazon scheffelt Milliarden allein mit dem Hinweis: ›Kunden, die dieses Produkt gekauft haben …‹

Der Fotograf Roman Kmenta machte vor einiger Zeit mit einem Werk darauf aufmerksam, dass dieses Prinzip der sozialen Bewährtheit selbstredend auch offline funktioniert: »Wir Menschen glauben immer, wir seien extrem rational — das stimmt aber nicht, wie viele verhaltenspsychologische Studien zeigen. Die soziale Bewährtheit besagt im Prinzip, dass das, was viele andere Menschen machen, nicht falsch sein kann — und dementsprechend nachahmenswert ist.« Er platzierte in Amazon-Manier einen solchen Hinweis am Obststand eines lokalen Marktes.

Die Zukunft gehört der Gruppenökonomie

Das kommt nicht von Ungefähr. »Wir beziehen unsere Urteile immer auf die Gruppe, mag sie auch noch so klein sein.«, sagt der Neuropsychologe Professor Lutz Jäncke. Auch die Hirnforscherin Franca Parianen betont: »Der Mensch ist besser im Imitieren als jede andere Spezies. Er lernt eher von anderen.« Die reichsten Menschen der Welt verdienen schon seit Jahrzehnten fortwährend ihr Geld damit, die Gruppe in den Fokus zu stellen.

Sämtliche Überzeugungsansätze in der Impfskeptiker-Debatte konzentrieren sich aber auf das Individuum. Sie vernachlässigen damit wesentliche Erkenntnisse über das menschliche Verhalten sträflich. Eine zielführende und angemessene Lösung für das Problem der Impfskepsis bestünde schlicht darin, möglichst viele Menschen und Gruppen von Menschen sichtbar zu machen und zu Wort kommen zu lassen, die sich schon erfolgreich haben impfen lassen. Und deutlich zu machen: Wir, die vielen, irren uns bestimmt nicht.