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So, wie wir gehen, so lernen wir

Wenn wir es ernst meinen mit der Mobilitätswende, müssen wir die Mobilitätskompetenz in den Vordergrund stellen.

🡒 features:// 15.09.2020 // 5 Minuten

Im Kontext der Mobilitätswende geht zwar viel die Rede von neuen Technologien, von Infrastruktur, von Geschäftsmodellen und von Innovationen. Doch nirgendwo taucht das Stichwort ›Mobilitätskompetenz‹ auf — das verblüfft umso mehr, als diverse Stimmen regelmäßig die Förderung digitaler, sozialer und sogar ökonomischer Kompetenz fordern.

»Thinking is movement, confined to the brain«

Damit steht die Mobilitätswelt aktuell aber kopf. Denn eigentlich baut der Mensch nur dann Kompetenz auf, wenn er sich bewegt. »We have a brain for one reason, and one reason only«, sagt etwa der US-amerikanische Neurobiologe Professor Daniel Wolpert, »and that’s to produce adaptable and complex movements.« Den Umkehrschluss präsentiert die britische Hirnforscherin Professor Susan Greenfield: »Thinking is movement, confined to the brain.« Ich bewege mich, also denke ich. »Sprache, Erinnerungsvermögen, ein Konzept von Vergangenheit und Zukunft, die Fähigkeit, Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden und mit anderen zu interagieren, kurzum, all das, was menschliche Persönlichkeiten mit ihren Fähigkeiten und Eigenarten definiert, baut letztlich auf unserer Fähigkeit auf, uns zu bewegen, eine Fähigkeit, die tragfähige Konzepte von Raum und Zeit erfordert.«, heißt es an anderer Stelle. Weshalb vernachlässigen wir also die individuelle Mobilitätskompetenz?

Denn die entscheidet ganz wesentlich darüber, ob der Mensch sich im Meer der profitablen Mythen, der geduldeten Irrtümer und der bewussten Täuschungen zurechtfindet und tatsächlich die optimale Entscheidung trifft. Weder taugt Mobilität zum Grundbedürfnis, noch verhält der Mensch sich bei der Verkehrsmittelwahl rational, noch lässt sich aus irgend einem ethischen Grundsatz eine Gleichberechtigung von Verkehrsmitteln ableiten. Mag sein, dass die Automobilindustrie jährlich rund 1,6 Milliarden Euro dafür ausgibt, ihren Adressat*innen bequeme Abkürzungen des Denkens zu bieten — freilich aus Eigennutz. Solche Urteilssprünge bzw. Heuristiken führen aber häufig zum Schaden für den Einzelnen und, wie wir aktuell an der Klimadebatte heiß diskutieren, längst auch für die Gemeinschaft. Der US-amerikanische, mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Psychologe Professor Daniel Kahneman betont, dass dagegen nur Kompetenz hilft — das gilt übrigens nicht nur für Verbraucher*innen, sondern ganz wesentlich auch für Politik und Verwaltung.

»Wir denken mit unserem Körper, nicht nur mit unserem Hirn«

Kahneman ist es auch, der vom ›leiblichen Denken‹ spricht und damit den Kreis schließt: Wir erlernen unsere Umwelt, indem wir uns in ihr bewegen. Demzufolge können wir nur solche Bewegungen lernen, die die Umwelt zulässt bzw. ermöglicht. Der Neurobiologe Professor Gerald Hüther präzisiert: »Nur wenn sich ein Mensch für etwas begeistert, werden all jene [neuronalen] Netzwerke ausgebaut und verbessert, die der betreffende Mensch in diesem Zustand der Begeisterung nutzt.« Wenn aber führende Experten feststellen: »Das Erscheinungsbild der Straßenräume in den Städten wird sehr stark durch den Kfz-Verkehr einschließlich der Parkräume bestimmt. Als Konsequenz sind Aufenthaltsräume an den Straßen verloren gegangen oder aufgrund hoher Verkehrsintensität, gekoppelt mit hohen Lärm- und Luftbelastungen, unattraktiv geworden. […] Hinzu kommt, dass durch den Autoverkehr die Bewegungsmöglichkeiten der anderen Verkehrsteilnehmer eingeschränkt werden.« — was kann denn noch Begeisterung in uns wecken, damit wir eine über die tempogetriebene, monomodale Fortbewegung hinausweisende Mobilitätskompetenz erlangen?

Es liegt noch gar nicht lange zurück, da baten Eltern im Rahmen eines Verkehrsplanungsprojekts für eine Berliner Großwohnsiedlung darum, die Fußwege der Kinder mit unterhaltenden Elementen auszustatten — ihre Sprösslinge könnten sich beim Zufußgehen sonst langweilen. Eigentlich verhält es sich aber genau umgekehrt. Der Fußverkehrslobby ist das noch lange nicht bewusst, ansonsten hätte sie für ihren letzten deutschlandweiten Kongress ein deutlich relevanteres Programm auf die Beine gestellt. Denn solange unsere Straßen keine Möglichkeiten bieten, dass wir uns die Fähigkeit zur nachhaltigen Mobilität aneignen, verlernen wir sie automatisch immer mehr: »Das Gehirn lernt immer und kann wirklich nicht anders. Es lernt dummerweise nicht immer das, was Sie wollen.«, stellt der Neuromediziner Professor Manfred Spitzer fest. Keine Mobilitätswende ohne Mobilitätskompetenz. Und keine Mobilitätskompetenz ohne Mobilitätswende.

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