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Vetomacht Pendler

21.08.2019

Berufskarawanen müssen stets als erstes Argument gegen eine Wende herhalten. Doch sie machen gar nicht die Mehrheit aus.

Es scheint, als besäßen Berufspendler einen Gold- oder sogar Platin-Status. Dieser Eindruck kann jedenfalls alle beschleichen, die sich von verschiedenen politischen Parteien immer wieder erzählen lassen müssen, eine Verkehrswende sei nicht oder nur mit Abstrichen möglich, immerhin kämen Pendler dabei zu Schaden; das aber sei grundsätzlich abzulehnen. Gut vorbereitete Diskutanten werfen dann sogar eine konkrete Zahl in die Runde. Kaum einer der politischen Rhetorik-Akrobaten traut sich aber noch einen Schritt weiter, nämlich solche Nummern in das richtige Verhältnis zu setzen.

Berlin ist nicht Baden-Württemberg

So verfiel beispielsweise der Unionsvertreter bei einer öffentlich-rechtlichen Fernsehdiskussion in und über Berlin jüngst wieder einmal in die alten Reflexe, ohne dass er damit aber irgend eine sinnvolle Aussage getätigt hätte. Denn tatsächlich pendeln laut amtlicher Statistik (Stand: 30.06.2018) 321.219 Personen nach Berlin herein und 185.723 Personen aus der Hauptstadt hinaus. Das ergibt insgesamt 506.942 Pendler*innen. Am 31.12.2017 lebten in Berlin 3.613.495 Menschen, abzüglich der Auspendler*innen bleiben 3.427.772 nicht pendelnde Einwohner*innen. Ihre Menge ist 6,762 Mal so groß wie die Menge der Pendler*innen. Die machen daher rund 13 Prozent aller sich in Berlin bewegenden Menschen aus, ohne allerdings den Tourismus auch nur zu erwähnen. Unter der — kaum haltbaren — Annahme, alle Pendler*innen legten täglich jeweils 3,1 Pendelwege zurück, so wie jeder Mensch im Durchschnitt 3,1 Wege zurücklegt, spiegelt sich darin auch das Verhältnis der Wegemengen zueinander wider. Gingen wir allerdings — sachlogisch durchaus plausibel — davon aus, Pendler*innen legten als solche täglich nur zwei berufliche Wege zurück, nämlich Hin- und Rückweg, und die restlichen durchschnittlich 1,1 Wege als Nicht-Pendler*innen, dann sänke der Anteil der Pendelwege an allen täglichen Wegen auf dem Gebiet Berlins sogar auf rund neun Prozent.

Das Zentrum liegt nicht an der Peripherie und Verdichtungsräume weisen andere Eigenschaften auf als ländliche Regionen. So viel ist bekannt und sicher. In Baden-Württemberg pendeln beispielsweise rund 3,4 Millionen Menschen aus beruflichen Gründen, das macht einen Anteil von immerhin rund 31 Prozent der Bevölkerung aus — aber doch wieder nur 22,4 Prozent aller täglichen Wege. Pendlerparolen-Vielbenutzer wären deshalb gut beraten, selbst einmal zu reflektieren, wofür ihr Argument, bei Lichte betrachtet, überhaupt taugt. Das Publikum hingegen darf künftig gerne noch mehr Skepsis walten lassen, um nicht gleich dem ersten billigen Fliegenfänger-Argument auf den Leim zu gehen.

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