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Die Würde der Technologie

19.02.2019

Jeder Trend gehört hinterfragt: Wer profitiert davon — und: macht er unser Leben wirklich besser?

Takanori Shibata verkauft Roboter. Genauer: Baby-Robben-Roboter, über die der Japanische Außenhandelsverband schreibt: »This Robot Seal Is Just What the Doctor Ordered«. Das denken sich vielleicht auch die mehr als 40 Pflegeeinrichtungen in Deutschland, die bereits auf seine Hilfe zurückgreifen. Denn Shibata führt selbstbewusst eine Studie ins Feld, wonach der regelmäßige Umgang der Patienten mit der künstlichen Robbe zur Verbesserung von Vitalfunktionen, ja sogar zur Verminderung des Medikamentenbedarfs führt: »Treatment with the PARO robot decreased stress and anxiety in the treatment group and resulted in reductions in the use of psychoactive medications and pain medications in elderly clients with dementia.«

Schein-Kausalität

Unter der Flagge ›künstliche Intelligenz‹ sähen die Hersteller ihre Geräte vermutlich gern im Mittelpunkt des nächsten Hypes. Liegt aber der Schlüssel zu verbesserten Vitalfunktionen bei den Patienten tatsächlich in der Interaktion mit dem scheinbar autonom handelnden Roboter? Aus der Forschung mit Hunden beispielsweise ist bekannt, dass der Blick in die Augen des Gegenüber das Kuschelhormon Oxytocin freisetzt; derselbe Botenstoff spielt für die Bindung von Eltern an ihr Säugling eine entscheidende Rolle. Die Roboter-Studie nun erhob ihre Messwerte parallel in einer Behandlungsgruppe und in einer Kontrollgruppe — die allerdings mit Pflegepersonal und nicht etwa mit unbeweglichen, aber knopfäugigen Plüschtieren in Kontakt kam. Ob der Robben-Roboter dem klassichen Kuscheltier tatsächlich überlegen wäre, müsste sich erst im Rahmen eines direkten Vergleichs zeigen.

Dieser Anlass macht darüber hinaus aber deutlich, wie dringend und gewissenhaft wir zwischen Problemlösungsinteresse und Profitabsicht unterscheiden sollten, gerade in Bereichen, die — frei nach Arthur C. Clarke — ob ihrer für den Laien fantastischen Potenziale noch immer wie Magie erscheinen mögen. Unser Grundgsetz garantiert, zum Glück, nicht die Würde der Technlogie, sondern die des Menschen. Um den drohenden Roboter-Hype also positiv umzumünzen in ein Konzept, das den Betroffenen deutlich mehr nützt als den Geschäftemachern, braucht es nur einen ganz kleinen Schritt zurück: zum Besuch von Kindergartenkindern im Pflegeheim. Den gibt es schon lange. Ganz low-tech, aber dafür menschlich und würdevoll. Die Pflicht der Wissenschaft besteht mindestens darin, diesen Ansatz mit der Roboter-Methode zu vergleichen. Denn umgekehrt scheinen die auch nicht unfehlbar: Ebenfalls in Japan entließ ein Hotel jüngst mehr als die Hälfte seiner mechanischen Angestellten. Sie verursachten erhöhten Aufwand und verärgerten ihre Gäste.

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Diplom-Geograph Johannes P. Reimann überschreitet Grenzen — seine Kreativität und seine Berufserfahrung verschaffen ihm in vielen Feldern festen Tritt. mehr

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