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Die Leichtigkeit des Flusses

04.07.2019

Die Digitalisierung bietet einzigartige Chancen, vorsintflutliche Ineffizienzen im Straßenverkehr abzubauen.

Hätten politische Arroganz und handwerkliche Inkompetenz nicht zu den gravierenden Konstruktionsmängeln geführt, die das Pkw-Maut-Konzept der aktuellen Bundesregierung schließlich aus der Kurve schleuderten: Verkehrsdeutschland hätte umweltpolitisch einiges an Boden gutmachen können.

Smarter Fluss

Das Erbe des Desasters: Das Stichwort Nutzerfinanzierung wird auch weiterhin durch die politischen Debatten geistern, als unkaputtbares Gespenst. Die Erkenntnis, dass eine Maut allein nicht ausreichen wird, um die gravierenden Schäden, die der Straßenverkehr an den Menschen und den Landschaften in Deutschland anrichtet, zu lindern — sie lässt indes weiter auf sich warten. Dabei ließe sich daraus ein brillantes Beispiel deutscher Datenkunst zaubern. Dafür bräuchte es lediglich zweierlei: zuerst das Einsehen, dass das alte Prinzip des ›predict and provide‹ sich so gar nicht eignet, der immer größeren Verkehrsmengen Herr zu werden. Allein zwischen 2008 und 2017 stieg der mit Pkw verursachte Verkehrsaufwand um 53 Millionen Personenkilometer — pro Tag! Eine Flut, die unsere alten Kanäle namens Straße zunehmend überlastet. Dass die Stau-Kennzahlen augenblicklich fallen, macht erst die ganze Perfidität des ›predict and provide‹ deutlich: Denn auf den frisch ausgebauten Strecken, die die Staugeplagten von gestern heute endlich genießen können, werden morgen noch mehr Fahrzeuge verkehren und damit neue und noch massivere Staus verursachen. Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.

Zweitens fehlt derzeit noch immer ein leistungsfähiges Anreizsystem, das eigene Auto intelligent zu nutzen — und zwar nicht dann und dort, wenn und wo gerade der Sinn danach steht, sondern dann und dort, wenn und wo die Verkehrslage insgesamt ein zügiges Durchkommen am stärksten begünstigt. Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel: Ein dynamischer Fahrten-Makler könnte Autofahrten zeitlich und örtlich intelligent verteilen, verfügbare Stellplätze wären schon eingerechnet. Allein das könnte bis zu 30 Prozent allen Autoverkehrs in Städten reduzieren helfen. Für den Fahrzeugführer bedeutete das, seine Fahrt ein paar Stunden vorab im System anzumelden — und möglicherweise sogar für Mitfahrer zu öffnen: weiteres enormes Optimierungspotenzial. Die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel wären selbstredend im System hinterlegt und genössen auch in der dynamischen Lenkung Vorrang.

Leichtigkeit für alle

Am Ende könnte der Fahrten-Makler außerdem eine Schnittstelle zur Erhebung von Maut-Gebühren bieten und variable Preise berechnen, je nachdem, wie treu der Fahrzeugführer der vorgeschlagenen optimalen Route bleibt. Insbesondere schaffte er aber einen Ausgleich zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen. Frei nach Nase herumzucruisen und dadurch jegliche Bündelung und Optimierung von Verkehrsströmen zu verhindern, soll nicht verboten sein, muss in Zukunft aber viel Geld kosten; und zwar deutlich mehr, als sich im Dienste aller Verkehrsteilnehmer und übrigens auch im eigenen Interesse zügig fortzubewegen und pünktlich anzukommen.

Übrigens: Solche intelligente Verkehrslenkung böte das Mittel der Wahl gegen die Überschreitung von Schadstoff-Grenzwerten und damit in der Konsequenz gegen drohende Fahrverbote. Denn der Fahrten-Makler könnte Ballungen zeitlich und örtlich entzerren und hohe Konzentrationen damit reduzieren. In der Kombination mit flexiblen Arbeitszeitmodellen könnte das sogar zum generellen Abbau von Spitzenstunden führen. »Der Fahrten-Makler empfiehlt: Mach‘ doch heute schon um 15 Uhr Schluss und nutze die folgende Route für den Heimweg …«.

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Diplom-Geograph Johannes P. Reimann überschreitet Grenzen — seine Kreativität und seine Berufserfahrung verschaffen ihm in vielen Feldern festen Tritt. mehr

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